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Kritiken
Full Pipe

Full Pipe

Was bleibt, wenn ein Point'n'Click-Adventure auf Story, Sprache und Logik verzichtet? Im Falle von Full Pipe bleibt eine surreale Reise durch eine bizarre Unterwelt voller Rohrleitungen. Schön schlicht und unterirdisch schön.

Ein Pantoffel. Mehr nicht. Wo andere Adventures eine abendfüllende Hintergrundgeschichte als Aufhänger brauchen, begnügt sich {Full Pipe} ganz banal mit einem Pantoffel. Der kommt dem kauzigen Protagonisten Dude abhanden, während er schläft. Eine gigantische Hand, die plötzlich unter Dudes Bett auftaucht, greift ihn sich und verschwindet wieder. Als Dude aufwacht, sucht er seinen Pantoffel unter dem Bett und entdeckt dabei ein Loch im Fußboden. Ohne zu zögern klettert er hinein - das bizarre Unterwelt-Abenteuer beginnt.

Im Grunde kommt in der surrealen Eröffnungs-Sequenz bereits alles zusammen, was {Full Pipe} ausmacht: Die Atmosphäre ist angenehm gruselig, die Charaktere sind ohne Ausnahme abstoßend und doch sympathisch, und bis auf das Flüstern aus dem Off ist es in dieser Welt totenstill. Das Spiel kommt wunderbar ohne Erklärung, ohne tieferen Sinn und ohne Worte aus. Der Wirkung dieses Settings kann sich niemand entziehen. Man will nicht wissen, welcher Schrecken hinter der nächsten Tür lauert - und geht trotzdem durch.

Dude plumpst durch das Loch in eine Art Bunker aus schimmligem Beton. Hier unten gibt es kein Tageslicht, nichts Schönes. Nur ein verwirrendes System aus Rohrleitungen an Wänden, Decken und Boden, durch die Dude von einem Raum zum nächsten gelangt. In den Ecken liegt Metallschrott, die Wände sind mit merkwürdigen Zeichnungen bekritzelt. Denn natürlich sind die Katakomben nicht unbewohnt: Die Kreaturen, die hier hausen, wären in der realen Welt am ehesten mit Nacktmullen verwandt. Schrecklich mutierten schweigenden Nacktmullen, die trotz ihres Aussehens eher Melancholie als Bedrohung ausstrahlen.

Dass Dude bei der ersten Begegnung nicht panisch flüchtet, verwundert gar nicht: Schließlich ist er selbst eine seltsame Mischung aus Kartoffel und Schnecke, mit Reinhard Mey-Brille, Hasenscharte, Röckchen - und eben Pantoffeln. So zieht sich der kauzige Dude seelenruhig seinen zweiten Pantoffel wieder an, der da vor ihm liegt und klettert in das erstbeste Rohr, in das er per Mausklick geschickt wird. Denn zurück nach oben kann er nicht. Das Rohr, das in sein Schlafzimmer führt, ragt unerreichbar aus der Decke.

Die Eröffnungs-Sequenz beginnt ganz banal - mit einem schlafenden Mann. Doch schon kurz darauf erleben wir die ganze Bandbreite des Bizarren: Das ist gar kein Mann, und unter seinem Bett geht es auch nicht mit rechten Dingen zu.

Um einen Weg aus der Unterwelt nach Hause zu finden, muss Dude jeden Raum durchforsten. Nach Gegenständen, Hebeln und Löchern in der Wand, die vielleicht etwas Nützliches verbergen. Und er muss die Kreaturen mit einbeziehen, ihnen Gegenstände zum Tausch anbieten oder sie auch mal als Trampolin missbrauchen, um in Rohre in der Decke zu springen. Vom Prinzip her ist das klassisches Point'n'Click - aber ein durchaus anspruchsvolles. Denn die Lösung eines Rätsels liegt nur selten im selben Raum. Dude legt viele Wege durch die Rohre zurück, bevor er den gerade passenden Gegenstand in Händen hält.

Mehr noch: Manches Fundstück muss erst von einer der Kreaturen in einem Raum am anderen Ende der Unterwelt verschluckt und dann, eingeschlossen in ein grünes Ei, wieder ausgeschieden werden, bevor Dude es benutzen kann. An anderer Stelle ist Geschicklichkeit gefragt: Wenn Dude in einem der subtil eingestreuten Minispiele wabbelige Bälle in den Känguruh-Beutel einer der Kreaturen werfen muss, erfordert das Präzision im Umgang mit der Maus. Auch der routinierte Point'n'Click-Fan beißt sich da oft erstmal die Zähne aus, und der Laie wird eine Hilfefunktion vermissen. Ein glatter Durchmarsch durch das Spiel ist jedenfalls unmöglich, was wiederum die Spielzeit künstlich streckt.

Dude ist angekommen in der Unterwelt und hat auch seinen zweiten Pantoffel wieder. Die Kreatur neben ihm schockt ihn nicht - vielleicht, weil er selbst eine Mischung aus Kartoffel und Schnecke ist?

Weil die Lösungswege keiner irdischen Logik folgen, ist naturgemäß der Trial-and-Error-Anteil ziemlich hoch. Das kann auf lange Sicht ermüdend sein. Zumindest führt es irgendwann dazu, den gerade gefundenen Gegenstand einfach wahllos allen Kreaturen anzubieten, und sei der Versuch noch so absurd. Die schütteln dann alle den Kopf oder grunzen ablehnend - bis einer tatsächlich zugreift und das Spiel weitergehen kann. Wem das zu dumm ist, der sollte {Full Pipe} nicht in zu großen Dosen genießen - sondern ab zu mal eine Spielpause einlegen.

Aber vorher das Zwischenspeichern nicht vergessen! Denn {Full Pipe} lässt auch solche Fehler zu, der sich nicht mehr rückgängig machen lassen. Wer dann vor Stunden zuletzt seinen Spielstand gespeichert hat, darf die ganze Sammel-, Tausch- und Rätselarbeit nochmal machen.

Die Steuerung beschränkt sich voll und ganz auf den Mauszeiger, der sich zur Hand oder zum Pfeil verwandelt, sobald er über einen Gegenstand oder eine interaktive Stelle im Raum bewegt wird. Ein prinzipiell perfektes System - wenngleich kleinere Gegenstände schon ziemlich genau angepeilt werden müssen, um sie zu erkennen. Wer beim Abgrasen eines Raumes schludert, übersieht schnell etwas und kommt nicht weiter.

Tauschgeschäfte mit den Kreaturen der Unterwelt führen Dude zum Ziel. Aber was zur Hölle will dieses Wesen im Tausch für seine Brille bloß haben?

Das Inventar wird am oberen Bildschirmrand eingeblendet, wenn man die Maus dorthin bewegt. Oben rechts befindet sich die Karte, die den Rohrleitungs-Irrgarten zwischen den einzelnen Räumen zeigt. Sichtbar sind nur die Räume, die Dude schon erkundet hat. So wächst die Karte nach und nach, der ganze Umfang der Katakomben ist erst beim Finale auszumachen. Eine simple, aber schöne Idee, weil sie - wie beinahe alles in {Full Pipe} - mit schlichtesten Mitteln die Spannung steigert.

Am Ende der Reise durch die Unterwelt sind einem die abscheulichen Kreaturen, und allen voran Dude selbst, fast ein bisschen ans Herz gewachsen. Das hat viel mit der Grafik des Spiels zu tun: Alle Charaktere wirken handgezeichnet, ihre Mimik und Gestik ist individuell. Die Entwickler haben es geschafft, dass der schlichte 2D-Comicstil keine platten Figuren erzeugt. Vielmehr sind die Kreaturen mit ihren hängenden Schultern und dem gelangweilten Kopfschütteln irgendwie... menschlich. Und das ohne Motion Capturing - dagegen sieht die eine oder andere High-Tech-Produktion richtig alt aus.

Man darf dabei nicht vergessen, dass {Full Pipe} trotz seiner jüngsten Veröffentlichung in Deutschland keineswegs neu auf dem Markt ist: Der russische Entwickler 1C Company hat das Spiel vor Jahren entwickelt, nur hat es seinen Weg auf den europäischen Spielemarkt bisher nur über den Umweg als Steam-Download geschafft. Gemessen daran ist die Grafik in Würde gealtert. Vergleiche mit jüngsten Spieleerfolgen wie {Machinarium} sind nicht übertrieben - in seiner Entstehungszeit war {Full Pipe} solchen Titeln sogar weit voraus.

Eine der wenigen beruhigenden Erfahrungen im ansonsten surrealen Spiel: Auch in den Katakomben der Unterwelt gibt es Glücksspiel.

Der Soundtrack passt zur Optik wie die Faust aufs Ohr: Irgendwie skurril, irgendwie anders, irgendwie schlicht, aber besonders. Das Angst einflößende Flüstern aus den Rohren mischt sich mit einer Art Fusion Jazz auf Droge, aber bleibt die ganze Zeit über angenehm unaufdringlich.

Wer {Full Pipe} durchgespielt hat, bleibt mit vielen offenen Fragen zurück: Wo war ich da eigentlich? Was waren das für Kreaturen? Was für ein Wesen ist dieser Dude? Die Antworten liefert die russische Herkunft des Spiels: Die Russen haben einen Hang zum Bizarren und Surrealen, ob nun beim Film oder in Videospielen. Und Surreales folgt nie den Gesetzmäßigkeiten einer realen Welt. Also nicht weiter nachdenken über offene Fragen - sondern einfach freuen über ein paar Stunden unterirdisch guter Unterhaltung.

08 Gamereactor Deutschland
8 / 10
+
Schlichter Comicstil, surreale Grusel-Atmosphäre, hohes Rätselniveau, passender Soundtrack
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Mauszeiger erkennt nicht alle interaktiven Gegenstände, manchmal ermüdendes Trial-and-Error, keine Hilfefunktion