Kinect Joy Ride
Eine reine Vergnügungsfahrt soll es sein. Anfangs denkt man auch, dass Kinect Joy Ride ganz lustig ist. Spätestens nach einigen Runden aber dominiert der Frust über eine eher unvorteilhafte Steuerung und die vielleicht dämlichste Menüführung ever...
Gemeinsam mit meinem Freund Frank stehe ich im leer geräumten Wohnzimmer. Wir spielen {Kinect Joy Ride}. In der Küche kocht das Essen. Nach einer Runde im Smash-Modus gehe ich kurz rüber, um kurz den Lachs anzubraten für die Erbsensuppe. Als ich wiederkommen, spielt Frank immer noch. Allerdings das, was er vor der Kinect-Session gespielt hatte: Die Siedler, auf seinem Ipad.
Was ich damit sagen will, ist vermutlich klar. {Kinect Joy Ride} funktioniert nicht. Eigentlich schade, aber man muss einfach anerkennen, dass Rennspiele ohne jedes Feedback eines Controllers nicht rocken. Quatsch, die sind unsinnig, denn man braucht einfach ein Pad oder ein Lenkrad zu festhalten, nicht nur, weil man das im echten Leben so gelernt hat. Mal ehrlich, nicht wenige Videospieler kaufen sich zusätzlich ein sündteures Force-Feedback-Lenkrad, um ein Rennspiel realistischer erleben zu können.
Nun will {Kinect Joy Ride} natürlich kein bisschen nicht realistisch sein. Es will auf der großen Bühne einen Funracer geben, im {Super Mario Kart}-Stil. Leider ist der Spaß bereits vor einigen Ausfahrten irgendwo kurz vor Dortmund-Dorstfeld im tristen Teil des Ruhrgebiets falsch abgebogen und ward daraufhin nicht mehr gesehen in {Kinect Joy Ride}.

Die Level sind optisch hübsch und schön bunt - beim Gameplay sieht's aber düster aus.
Zuallererst liegt das daran, dass man das Auto wie gerade erklärt mit einem imaginären Lenkrad in der Luft vor einem steuert. Das ist zwar irgendwie total futuristisch, klappt aber nicht. Das Spiel übernimmt außerdem gefühlt einen Teil der Steuerung, weil es unsere Aktion vorausahnen will und den Wagen deswegen zum Teil selbständig in die richtige Richtung leitet. Außer lenken geht noch: das Lenkrad an den Körper reißen und dann heftig nach vorne stoßen für einen Turbo-Boost, über Rampen fliegen und durch wilde Körperbewegungen Stunt-Tricks ausführen und sich zum Driften in Kurven lehnen mit dem Körper. Das reguläre Beschleunigen und Bremsen übernimmt derweil das Spiel gleich komplett selbst, da kann dann wenigstens nichts schief gehen. Bei allen anderen Aktion geht permanent etwas schief, denn sie sind allesamt vor allem ziemlich unpräzise und wenig nachvollziehbar.
Klar, noch einmal, {Kinect Joy Ride} will keine Rennsimulation sein. Aber selbst der dümmste Casual Gamer aus dem Mittleren Westen der Vereinigten Staaten, der offenbar als kleinster gemeinsamer Nenner herhalten musste, wird von diesem Spielerlebnis binnen kurzer Zeit gelangweilt sein. Denn sobald die erste Verwunderung über das Spiel abgeklungen ist, wird's trotz fünf verschiedener Spielmodi sehr schnell sehr öde.
Im Dash-Modus fahren wir ein kurzes Beschleunigungsrennen und müssen nur Hindernissen ausweichen und Boosten. Im Trick-Modus stehen wir auf dem Flügel unseres Autos, das jetzt ein Flugzeug ist und müssen für Tricks rumhüpfen oder uns verbiegen. Der Smash-Modus ist Destruction Derby ohne andere Autos, stattdessen stehen bewegungsunfähige Dummies herum - alles andere würde man auch nicht treffen.
Am lustigsten ist noch der Stunt-Modus, wo wir in einer Halfpipe mit Boosten Geschwindigkeit aufnehmen müssen und dann wie bei Skateboarding auf jeder Seite der Rampe die Zeit in der Luft für Tricks nutzen müssen. Es gibt auf dem Weg zum höchsten Punkt Bonusse, Bomben und Zeug zum Einsammeln im Vorbeifliegen, alles Hilfsmittel für den Highscorejäger. Aber nach kurzer Zeit ist auch hier die Luft raus.

Mit dem Auto in der Halfpipe: Der Stunt-Modus macht noch am meisten Spaß, ist aber auch nach kurzer Zeit abgekaut...
Im Battle-Modus kann man seine Gegner (und den einen echten nebenan im Bild) mit Minen, Eisbomben, Teleportern und Zielsuchraketen außer Gefecht setzen, während man ein reguläres Rennen fährt. Um die Items zu aktivieren, muss man neben sich in die Luft greifen. Das verwirrt den Kinect-Sensor gerne mal, weil man ja eine Hand vom imaginären Lenkrad nimmt und deswegen gerne mal in eine der optisch hübsch gemachten Mauern rast. Man kann diese Items natürlich auch nur dann nutzen, wenn man irgendwo entlang gleitet nach einem Sprung über eine der Rampen - aber so war das wohl nicht gedacht. Immerhin kann man im Race-Modus auch mit bis zu acht Spieler via Xbox Live das Schicksal teilen. Hier gewinnt am Ende jedenfalls nicht derjenige, der am besten fährt, sondern derjenige, der am besten mit den ganzen Unzulänglichkeiten fertig wird.
Die Grafik ist im Gegensatz zum Gameplay ziemlich okay und das Streckendesign tatsächlich häufig sogar hübsch. Stadtkurse, Wüstenareale und Küstenrennen sind am Start und es gibt einen Haufen Autos freizuschalten. Auf Wunsch fährt man mit dem eigenen Avatar die Rennen, was schon lustig ist, aber bereits und nicht nur beim wesentlichen spaßigeren Funracer {Sonic & Sega All-Stars Racing} als Feature eingeführt wurde.
Das schlimmste an dem Spiel ist allerdings etwas eher unerwartetes, nämlich die Menüführung. Einerseits hat auch {Kinect Joy Ride} wie jedes Kinect-Spiel mit der etwas langsamen Handhabung zu kämpfen. Darüber hinaus ist es den offenkundig in dieser Angelegenheit vollständig unfähigen Entwicklern gelungen, einen nach jeden einzelnen Rennen zurück ins Hauptmenü zu schicken, um die nächste Strecke anzuwählen - es sei den, man will genau das Rennen ewig wiederholen
Außerdem muss man die Auswahlknöpfe in {Kinect Joy Ride} mit einer stilisierten Hand anwählen. Die ist leider so langsam, dass man sie wie ein Schattenboxer bedienen muss, um den Knopf erfolgreich zu treffen: nämlich gaaaaaaaaaaaz laaaaaaaangsam. Oh boy, hier wünscht man sich einen Controller zurück und will einfach mal wieder den verdammten Knopf drücken. {Kinect Joy Ride} ist am Ende ein lustige Tech-Demo, aber in meinen Augen kein Spiel, das für den Kinect-Sensor geeignet ist.
Gamereactor Deutschland