Surface Pro
Microsoft legt das neue Profi-Tablet Surface Pro auf den Tisch - ein Zwitter aus Tablet und Windows 8-PC. Da horchen Gamer schnell mal auf, aber was kann das Teil?
Bereits nach kurzer Zeit mit dem Surface Pro sind drei Dinge klar. Erstens: Casual-Gaming hat endlich wieder einen tieferen Sinn bekommen, denn der Konsolenspieler kriegt endlich Achievements freigeschaltet für endlose Sessions mit {Jetpack Joyride} oder {Wordament} - was natürlich auch mit dem kleineren Surface RT schon möglich ist. Zweitens: Das Surface Pro ist in der alltäglichen Benutzung viel besser als gedacht auf den ersten Blick. Drittens: Handschmeichelnde Geräte können sie in Redmond einfach nicht bauen. Im Vergleich zum iPad wirkt das Surface Pro wie die originale Xbox im Vergleich zur jetzigen Xbox 360 Slim. Kurz gesagt: In den Händen hält man einen 979 Euro teuren, 916 Gramm schweren und mit 1,35 Zentimetern relativ dicken Brocken in den Händen.
Wobei der Vergleich ein bisschen ungerecht ist. Denn eigentlich ist das kleine Surface RT der iPad-Konkurrent, während das Surface Pro eher auf Augenhöhe mit einem MacBook Air sein möchte. Oder anderen Tablet-Konkurrenten von Lenovo, Asus & Co., die auch um Marktanteile buhlen. Das kleine Windows-Tablet tritt also als kleiner Hochleistungscomputer im Verhältnis zu seinen dafür geringen Abmessungen an. Die äußeren Features sind überschaubar. Oben rechts ist der Anschaltknopf, am linken Rand sind ein Lautstärkeregler sowie ein Kopfhörer- und USB 3.0-Anschluss platziert. Rechts liegen der magnetische Netzanschluss sowie Micro-SD-Schacht und einen Mini-Display-Port.
Für Videospieler ist natürlich interessant, dass auf dem Surface Pro (ganz im Gegenteil zum kleinen RT), alle Windows 8-Programme ganz normal laufen. Das heißt, man kann sich fix Steam und Origin installieren, um dann auf seine ganzen Bibliothek zugreifen zu können. Sogar der Xbox-Controller wird in vielen Fällen unterstützt, ohne das man installieren muss.

Links das Surface Pro plus Touch-Cover, rechts inklusive Type-Cover. Die Touch-Cover gibt es in unterschiedlichen Farben.
Der Prozessor ist allerdings beim Bezwingen regulärer Produktionen schnell am Limit. Das grafisch durchschnittlich aufwändige {Star Trek} etwa zwingt den Intel-i5-Prozessor mit zwei 1,7 GHz-Kernen und die Intel HD 4000 Grafikkarte schnell in die Knie. Selbst das alte {Portal} ruckelt sich so durchs Leben. Auch vier Gigabyte Arbeitsspeicher helfen nicht zu verhindern, dass das Bild selbst auf mittlerer Grafikeinstellung bei Texturen und Licht schon Probleme kriegt. Deutlich sichtbar zieht es Schlieren und beginnt immer wieder deutlich sichtbar zu stottern. Ein Gaming-Computer ist das hier ganz sicher nicht jenseits der Casualtitel.
Die Verarbeitung des Surface Pro ist sehr solide und selbst potenzielle Schwachstellen wie die integrierte Klappe an der Rückseite zum Aufstellen des Tablets wie ein Desktop-Bildschirm machen einen stabilen Eindruck. Sehr schade sind Schnitzer beim Design des als kostspieliges Zubehör verfügbaren Displayschutzes, der gleichzeitig eine Tastatur ist. Die Umrandung beider Versionen steht labberig über und schließt nicht sauber ab, so dass das Öffnen immer den Eindruck hinterlässt, als würde man eine Packung unter Schutzatmosphäre eingeschweißten Butterkäse öffnen.
Außerdem haben sie bei den Spaltmaßen geschlampt. Schaut man von der Seite auf das Tablet, steht der Schutz uneinheitlich hoch ab. Das veloursartige Material ist zudem ein echter Schmutzfänger und knapp 200 Gramm mehr Gewicht nerven dann auch. Das etwas dickere Type Cover, das eine vollwertige Tastatur mit echtem Anschlag bietet, trägt ein gutes Stück dicker auf, so dass das Tablet 1,95 Zentimeter fett und rund 250 Gramm schwerer wird. Und mit 119 bzw. 129 Euro sind die Teile echt sehr teuer.

An den USB-Anschluss lässt sich fix ein Xbox-Controller anschließen, der auch in vielen Fällen problemlos erkannt wird von Window 8.
Der 10,6-Zoll große und gut entspiegelte Touch-Bildschirm ist dafür eine echte Wucht und das größte Argument für das Surface One. Das Breitbild-HD-Format mit 1920 x 1080 Pixeln Auflösung steht dem Bild ausgesprochen gut zu Gesicht. Die Optik ist glasklar und angenehm hell, selbst bei direkter Sonneneinstrahlung. Die Touchfunktionen sind tadellos und das Feedback sehr angenehm. Nett sind kleine Details wie ein leichtes Vibrieren, wenn man die Home-Taste drückt, die einen zurück auf den Übersichtsbildschirm mit den Kacheln bringt. Wirft man das Surface Pro das erste Mal an, dann sieht man zuerst diesen Bildschirm.
Die Kacheln. Nun ja. Wurde schon viel drüber gelästert, über den Look von Windows 8. Natürlich erinnert das alles zwangsläufig etwas an die Icons auf dem iPad. Sehr hübsch gemacht ist, dass die Kacheln automatisch interaktiv bespielt werden, wenn das Teil am Internet hängt. Nachrichten werden so in Echtzeit angezeigt, ebenso eingehende Mails oder eben Statistiken zu den Games. Die Kacheln lassen sich beliebig anordnen und alles bewegt sich flüssig und fix. Der sehr schnelle Wechsel zwischen den unterschiedlichen Apps ist erstaunlich. Ganz schön cool für Microsoft, denkt man sich so.
Bis sie dann plötzlich durchzuscheinen beginnen, diese unsexy Dinge, die mich vor Jahren von Windows verscheucht haben. In einer Woche mit dem Gerät gab es sogar einen veritablen Systemabsturz, so dass sich das System erst einmal sortieren und aktualisieren musste, was dann mal eben mehrere Minuten dauerte. Das ist, bei aller Unvergleichbarkeit, mit dem iPad in den letzten Jahren noch nie passiert. Nicht ein einziges Mal.

Die Touch-Funktionen des wunderbaren Bildschirms funktionieren reibungslos gut.
Ich zeige das Surface Pro einem Freund, während ich erkläre, dass ich es echt ganz gut finde. Er drückt den Einschaltknopf und zur Belohnung meiner Vorrede bleibt der Bildschirm schwarz. Nach mehrmaligem, achselzuckenden Drücken der An/Aus-Taste erscheint die Nachricht auf dem Bildschirm, das dann jetzt mal Updates eingespielt werden. Einfach so. Ohne mich vorher zu fragen oder bei der Installation gefragt zu haben, ob ich überhaupt automatische Updates will - und wenn ja, wann.
Bis das Tablet anspringt aus dem Ruhezustand, vergehen immer ein paar Sekunden. Ein paar Sekunden sind wenig, insbesondere für Windows-Benutzer. Aber im Vergleich zum einem iPad oder MacBook, das immer sofort da ist, vergehen hier kleine Ewigkeiten. Es ist eben doch kein waschechtes Tablet, sondern ein PC-Tablet-Zwitter. Das ist wohl auch das Problem des Gerätes: Es ist kein reines Tablet und kein echtes Notebook. Das macht es auf der anderen Seite aber auch potenziell interessant, weil es eben deutlich mehr kann, als ein Tablet. Aber es bringt auch Probleme mit sich.

Auch im Hochformat arbeitet das Tablet, gerade zum Lesen von Internetseiten sehr bequem. Allerdings ziehen die 900 Gramm Gewicht doch spürbar an den Handgelenken. Auf dem Bild rechts ist der hinten fest verbaute Ständer zu sehen.
Ein paar Sachen fallen unmittelbar und schnell negativ auf. Der Lüfter etwa ist ziemlich laut unter stärkerer Belastung, etwa beim Spielen. Allein schon, dass da überhaupt einer drin sein muss, geht gar nicht. Die eingebaute SSD-Festplatte hat beim Top-Modell 128 Gigabyte, verfügbar sind aber nur 89 Gigabyte - warum, das weiß allein Microsoft. Der Akku ist je nach Anwendungsart relativ schnell leer, über viereinhalb Stunden sind selten drin, wenn man die Beleuchtung nicht gnadenlos runterdreht. Wer spielt oder Videos schaut, darf eine Stunde abziehen. Einen Wechselakku gibt es nicht, das Aufladen dauert über zwei Stunden.
Am Ende finde ich es persönlich echt fies, dass man immer wieder in den Niederungen der Einstellungen verschwinden muss und dort schnell die alte Windowsoberfläche entdeckt. Ist wie ein Klassentreffen nach 15 Jahren, wenn man das Mathegenie wiedertrifft und erkennt, dass es immer noch so ist wie früher. Egal. Wer richtig mit dem Surface Pro arbeiten will, also etwa Zahlen in Excel hin und her schubsen mag, der kann das tun. Man kriegt sogar einen echt gut gemachten Touchpen mitgeliefert. Der kann zur Handschrifterkennung oder zum Zeichnen genutzt werden kann und gerade bei kleinteiligeren Sachen wie Excel ist er sehr praktisch. Es ist aber ein Feature, das man als finger wischender Normalnutzer schnell vernachlässigt im Alltag. Insbesondere als jemand, der Kugelschreiber (deren digitaler Ersatz hier übrigens 29 Euro kostet) so schnell verliert wie Einwegfeuerzeuge...
Die 7/10 steht am Ende vor allen Dingen wegen des vergleichsweise hohen Preises drunter. Und weil mir wirklich nicht so ganz klar ist, an wenn dieses Gerät sich richtet. Gamer haben nicht wirklich einen Mehrwert und Geschäftsleute werden wohl ein normales Note- oder Subnotebook bevorzugen. Und als Lifestyleobjekt ist es einfach nicht begehrenswert genug.
Gamereactor Deutschland